06. Mai 2019

Robert Menasse

Ein politisches Manifest? Eine geistreiche Satire aus den Büros der EU-Kommission? Geschichtsklitterung zugunsten der eigenen Europaliebe und der Idee der Überwindung der Nationen? Auf jeden Fall ist Robert Menasses EU-Epos ein unterhaltsames, blitzgescheites und kontroverses Stück Literatur. „Die Hauptstadt“ (2017) wurde weltweit als erster Roman der Europäischen Union gefeiert und rangierte wochenlang unter den Top 10 der Literatur. 2017 erhielt der österreichische Schriftsteller dafür den deutschen Buchpreis. Ein Jahr später entzündet sich eine Debatte um den Wahrheitsgehalt verwendeter Zitate des ersten Kommissionsvorsitzenden der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (1958), Walter Hallstein, den Menasse als einer der ersten Verfechter der Idee der Überwindung der Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg ins Feld führt. In Wahrheit, so Menasses Kritiker, habe Hallstein der Vision eines Supranationalstaates sogar widersprochen.

Leseempfehlungen Robert Menasse

Büchertisch

Buchhandlung am Hottingerplatz

 

Visuelle Eindrücke aus dem Gespräch

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Wie auch immer die Debatte über Europa, den Nationalstaat sowie das Verhältnis von Fiktion und Fakten in der Literatur ausgeht: Robert Menasse gehört zu den interessantesten Autoren der Gegenwart. Dass der österreichische Schriftsteller und Essayist ein wortgewaltiger Romancier ist, der keineswegs nur das politische Register zieht, sondern auch das Fach der Liebesgeschichten, der Familiensaga, des Kriminalroman und der Gelehrtensatire beherrscht, zeigen viele seiner Romane und Erzählungen. Auch darüber wollen wir reden. 

Robert Menasse wurde 1954 in Wien in einer jüdischen Familie geboren. Sein Vater hatte Österreich im Jahre 1938 mit einem der letzten Rettungstransporte für jüdische Kinder in Richtung England verlassen können. Menasses Halbschwester Eva Menasse ist ebenfalls als Schriftstellerin tätig.

Menasse studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Wien, Salzburg und Messina. 1980 promovierte er mit einer Arbeit über den „Typus des Aussenseiters im Literaturbetrieb“. Von 1981-1988 war er als Lektor und Dozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität São Paulo in Brasilien tätig.

Die Hauptstadt

Roman

Fenia Xenopoulou, Beamtin der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altersheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, dass er im Begriff ist zu vergessen.

In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und grossen Gefühlen.

Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen - für das Schwein, das durch die Strassen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.

 

Robert Menasse: Die Hauptstadt. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017